24. September 2026

Dissoziation - einem Phänomen auf der Spur

Dissoziation ist ein unterschätztes Phänomen, weshalb ich einmal ein Licht darauf werfen will, was sich hinter dem Begriff verbirgt. Die Wikipedia beschreibt es als Auseinanderfallen von psychischen Funktionen, die normalerweise zusammenhängen. Ich will hier nicht auf die schweren Formen der Dissoziation eingehen, die in der Psychiatrie eine Rolle spielen. Ich will auf die alltägliche Dissoziation eingehen, die viele Menschen mehr oder weniger kennen. Nehmen wir eine alltägliche Situation, in der wir konsterniert sind, nicht mehr wissen, was wir sagen sollen, vor den Kopf gestoßen, sprachlos. Es sind Situationen, in denen wir hinterher denken “das hättest Du so oder so viel eleganter lösen können” … “Du hättest so oder so reagieren sollen”.

Nehmen wir einen normalen Bewusstseinszustand. Sagen wir, Du gehst mit einem Freund oder einer Freundin spazieren, ihr unterhaltet euch über Dinge, die euch so beschäftigen, ihr bewegt euch in der Natur und seht gelegentlich interessante Dinge, auf die ihr euch aufmerksam macht. Die Welt ist in Ordnung. Du bist in Ordnung. Du bist ganz bei Dir.

Stelle Dir nun eine andere Situation vor. Stell' Dir vor, dass Du an der Kasse anstehst und es drängelt sich jemand frech vor. Du fängst innerlich an zu kochen vor Ärger und Wut. Du sagst aber nichts. Du bist nicht mehr ganz bei Dir. Es ist eine leichte Form der Dissoziation. Deine psychischen Funktionen fallen auseinander. Anstatt Deinem Ärger Luft zu machen oder den Vordrängler anzusprechen, sagst Du nichts, Du tust nichts.

Nun wirst Du sagen, dass das ja gar nicht so schlimm ist. Es geht ja vorbei. Und das stimmt wohl. Aber darum geht es nicht. Es geht zunächst darum dieses Bild der leichten Dissoziation zu verstehen.

Ich glaube, dass das öfter vorkommt, als wir denken. Ich glaube auch, dass die Auswirkungen auf unser Leben gravierender sind als wir denken. Nehmen wir einmal an, ein Arbeitskollege erzählt etwas über die “schlimmen Ausländer”. Er ist besessen von der Vorstellung, dass “die Ausländer” an allem schuld sind. Ein Widerspruch oder rationale Argumente helfen nichts, sie feuern ihn nur noch weiter an. So kann sich eine gesellschaftliche Stimmung auf Lügen verbreiten, die uns am Ende alle betrifft.

Gehen wir an einen anderen Ort. Partnerschaften sind sensible Gebilde. Störungen können sich verstärken und am Schluss die wertvolle Partnerschaft zerstören. Auch hier spielt Dissoziation eine große Rolle. Meist beginnt die Entfremdung mit Dissoziationen. Der Partner verhält sich in der einen oder anderen Art und Weise und Du findest nicht die passenden Worte, um das Verhalten zu klären oder anzusprechen. Dies passiert immer öfter, bis es in Dir gärt und rumort. So beginnt Entfremdung. Paare, so weiß die Forschung, holen sich in der Regel fünf bis sieben Jahre zu spät Hilfe. Ein Therapeut wird erst aufgesucht, wenn das Kind quasi unrettbar im Brunnen liegt.

Das soll uns aber nicht reichen, wir wollen weiter schauen. Woher kommt denn diese subtile Art der Dissoziation? Warum können wir nicht mit dem Partner, in der Kassenschlange uns verhalten wie beim Spaziergang mit dem Freund oder der Freundin? Weshalb können wir nicht in jeder Situation ganz bei uns, ganz Herr unserer Sinne bleiben und uns angemessen verhalten?

Nun, ich werde in diesem Blogartikel natürlich kaum alle Aspekte aufzeigen können. Es gibt aber doch deutliche Anzeichen dafür, dass Dissoziationen in aller Regel erlernt wurde. Einmal mehr, wie es in der Psychologie doch häufig vorkommt, lohnt sich ein Blick in die Kindheit, in die Prägungsphase der Persönlichkeit, der Psyche. Adultismus ist ein weit verbreitetes Phänomen. Ich hatte neulich ein einschneidendes Erlebnis mit einer von mir geschätzten Freundin. Während der Anwesenheit ihrer 15-jährigen Tochter erzählte sie, was die Tochter aus ihrer Sicht für ein Wesen hat. Die Freundin bildet angehende Erzieherinnen aus. Ich reagierte sofort und sagte “Stopp! Das ist Adultismus”. “Gib der Tante einen Kuss” oder “Gib dem Mann die Hand” oder “Sag' Danke!” - das ist alles Adultismus. Adultismus verursacht Dissoziation beim Kind. Möglicherweise ist das Kind gerade gar nicht in der Stimmung der Tante einen Kuss zu geben, Danke zu sagen oder dem Mann die Hand zu geben. Möglicherweise hat das Kind ganz handfeste Gründe genau das nicht zu tun. Es wird aber meist den Anforderungen der Bezugsperson nachkommen und es trotzdem tun. Oder es wird aus Sicht der Erwachsenen trotzig reagieren. Nein, bitte hört mir auf mit Ideen wie “aber das Kind muss das lernen” und so einen Quatsch. Ja, das Kind wird es lernen. Wenn ihr freundlich mit dem Kind umgeht, Bitte und Danke sagt und selbst Vorbilder seid, dann wird es das lernen. Ganz von selbst. Zurück zur Dissoziation. Das Kind lernt, dass dissoziatives Verhalten ein Problem löst. Es lernt das einmal, zweimal, zehnmal, hundertmal. Im Kindergarten, in der Schule, überall begegnet dem Kind Adultismus und autoritäres Verhalten von Bezugspersonen. Dissoziation wird zur Normalität.

Die Wikipedia schreibt “Generell nimmt die Häufigkeit der Symptome mit zunehmendem Alter ab.” Das ist ein Hinweis. Je älter wir werden, desto weiter entfernen wir uns von unserer Kindheit. Wir werden erwachsener und überwinden möglicherweise kindliche Prägung. Im schlimmsten Fall geben wir sie weiter und sind selbst adultistisch. Im besten Fall reflektieren wir, was uns passiert ist und lernen kluges Verhalten.

Auf jeden Fall lohnt es sich in jedem Lebensalter aufmerksam zu sein und sich zu beobachten. Wann und in welchen Situationen werden wir sprachlos, wissen nicht wie wir uns verhalten sollen oder geraten außer uns. Können wir dieses Verhalten beschreiben? Können wir Muster erkennen? Können wir diese Muster in unserer Prägung finden? Und ja: wir können unser Verhalten ändern. Vielleicht nicht von heute auf morgen.

Rufe mich an, wenn Du Dir einen Austausch wünschst. Schreib' mir, wenn Du magst.

 

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